Gedenkstunde in Herbolzheim
Herbolzheim war am 27. Januar Gastgeber für die zentrale Gedenkstunde des Landtags von Baden-Württemberg an die Opfer des Nationalsozialismus. Zahlreiche Gäste aus Politik, Gesellschaft, Opferverbänden sowie viele Jugendliche waren zusammengekommen, um gemeinsam zu erinnern, zu mahnen und die Verantwortung für unsere Demokratie in Gegenwart und Zukunft zu betonen.
Am Mahnmal in der Eisenbahnstraße wurde von Landtagspräsidentin Muhterem Aras, Alexander Flügler und Bürgermeister Thomas Gedemer vor der offiziellen Gedenkstunde im Beisein der Vertreter der Opferverbände stellvertretend für alle Opfer der von den Nazis ermordeten Sinti-Familie Spindler gedacht und ein Kranz niedergelegt. Nur die Brüder Lorenz und Franz Spindler überlebten damals die Deportation. Sie wurden 1945 im KZ Buchenwald befreit. Das Mahnmal steht bewusst an dieser Stelle, denn die Verhafteten passierten auf dem Weg zum Deportationszug diesen Ort, an dem nun die Inschriften dauerhaft an sie erinnern.
Im festlich geschmückten Bürgerhaus in Tutschfelden eröffneten Mano Trapp und seine Combo MANOU die Gedenkstunde musikalisch mit Stücken, die dem Anlass einen würdevollen und eindringlichen Rahmen gaben. In seiner Rede stellte Bürgermeister Thomas Gedemer die Bedeutung des Erinnerns in den Mittelpunkt. Ausgangspunkt war die Aussage einer Schülerin beim Volkstrauertag vor einigen Jahren: „Ich wusste gar nicht, was damals auch hier bei uns geschehen ist.“ Dieser Satz verdeutliche, wie wichtig historisches Wissen und lokale Erinnerung seien. Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft sei kein fernes, anonymes Geschehen gewesen, sondern habe auch in Herbolzheim konkrete Gesichter gehabt – von Tätern und Opfern.
Gedemer erinnerte insbesondere an das Schicksal der seit dem 18. Jahrhundert in Herbolzheim ansässigen Sinti-Familie Spindler. Von 16 im März 1943 deportierten Familienmitgliedern wurden 14 in Auschwitz ermordet. Die Aufarbeitung dieser Geschichte habe in Herbolzheim Anfang der 2000er-Jahre intensiv und beispielhaft begonnen und sei zugleich ein bleibender Auftrag. Erinnerung dürfe sich nicht auf das „Damals“ beschränken, sondern müsse Mahnung sein angesichts heutiger Ausgrenzung, Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit. Besonders richtete sich Gedemer an die jungen Menschen im Saal: „Ihr seid die Generation, die Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit weitertragen müsst.“
Alexander Flügler, Vorsitzender des Fördervereins der Jenischen und anderer Reisender e. V., widmete seine Rede der Geschichte und dem Leid der Jenischen, die lange kaum wahrgenommen worden seien. In eindrücklichen Bildern sprach er vom „Sternengarten“ als Sinnbild für die Seelen der Verstorbenen. Er schilderte die systematische Verfolgung der Jenischen im Nationalsozialismus – durch polizeiliche Erfassung, Diffamierung als „asozial“ oder „arbeitsscheu“, durch Zwangssterilisationen, Deportationen und Haft in Konzentrationslagern. Flügler machte deutlich, dass die wissenschaftliche und politische Aufarbeitung dieser Verbrechen bis heute unvollständig sei. Gleichzeitig betonte er den Mut vieler Jenische, ihre Geschichte und Kultur heute sichtbar zu machen. Die Jenischen seien eine europäische Minderheit mit eigener Sprache, Kultur und Geschichte und verdienten Anerkennung, Respekt und Erinnerung.
Landtagspräsidentin Muhterem Aras griff diese Gedanken auf und dankte allen Mitwirkenden der Gedenkstunde. Besonders bewegt zeigte sie sich von den Worten Alexander Flüglers und dem Bild des Sternengartens. In ihrer Rede gedachte sie aller Opfergruppen des Nationalsozialismus – der ermordeten Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Jenischen, Menschen mit Behinderungen, queeren Menschen, politisch Verfolgten, Widerstandskämpferinnen und -kämpfern sowie vieler weiterer Entrechteter und Ermordeter. In diesem Jahr stehe bewusst die Volksgruppe der Jenischen im Mittelpunkt des Gedenkens.
Aras erinnerte anhand der Lebensgeschichte von Viktor Berger eindringlich an das Leid, das Jenische auch über das Ende der NS-Zeit hinaus erfahren mussten – durch fehlende Anerkennung und verweigerte Entschädigung. Sie schlug den Bogen zur Gegenwart und warnte vor Rechtsextremismus, Hass und einer entmenschlichenden Sprache. Demokratie brauche Mut, Zivilcourage und den entschiedenen Schutz der Würde jedes einzelnen Menschen.
Ergänzt wurde die Gedenkstunde durch den Fachvortrag von Dr. Boris Weinrich zur Verfolgungsgeschichte der Jenischen vor, während und nach der NS-Zeit sowie durch den Beitrag „Leben – Erinnern – Jenisch sein“ der Geschichts-AG der Zeppelin-Realschule Singen. Die Schülerinnen und Schüler machten anhand der Biografien der Brüder Alois und Kaspar Hartmann aus Singen deutlich, wie Vorurteile schrittweise in Entrechtung, Haft und Tod mündeten. Musikalische Beiträge von Mano Trapp und seiner Band verliehen dem Gedenken zusätzliche Tiefe.
Im Anschluss an die Veranstaltung bestand die Möglichkeit zur Begegnung mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Opfergruppen an Infoständen. Als bleibendes Zeichen des Erinnerns wurde schließlich in Tutschfelden eine Trauerweide gepflanzt – ein lebendiges Denkmal für die Opfer und ein Symbol für Erinnerung, Verantwortung und die Standhaftigkeit unserer Demokratie.
icon.crdateArtikel vom: 09.02.2026
